KI transformiert liturgische Gestaltungspraxis

  • Prof. Dr. Max Bühler

„ChatGPT, ich brauche ein Eingangsgebet für einen evangelisch-lutherischen Gottesdienst zum Thema Licht.“ „GoogleGemini, für mein Traupaar ist das Bild ihrer Beziehung als einer gemeinsamen Reise wichtig, hast du Ideen für Texte oder rituelle Handlungen?“ „Perplexity, als Tauftext hat sich der Täufling Jes 40,31 gewünscht und der Schutz Gottes ist den Taufeltern ganz wichtig, welche anderen Texte aus der Bibel könnten denn dazu passen?“

Die rasante Entwicklungen im Bereich Künstlicher Intelligenz (KI) ist ein seismisches Ereignis – auch für unsere Gestaltung von Gottesdiensten, Andachten, Ritualen zu besonderen Anlässen. KI vermag es gerade in Gestalt von Large Language Models (LLMs) wie ChatGPT, Gemini, DeepSeek, Perplexity & Co, Sprachstile zu erkennen und zu variieren. Sie vermögen es, riesige Quellen aufzusaugen und die Sprachmuster darin nachzuahmen. Sie vermögen es, Informationen auf einen passgenauen Prompt hin für die fragenden Menschen zusammenzutragen – und das alles in Sekunden. Ein Aktant, der so gut mit Sprache umgehen und rituelle Gestaltungsideen zusammentragen kann, der so gut Traditionen aufgreifen und flexibel rekombinieren kann, berührt fundamental die Präparation von Gottesdiensten als rituelle Aufführungen im Medium von Sprache, Leib, Bild und Klang.1

Mediale Unterstützung liturgischer Gestaltung hat lange Tradition

Neu ist dabei nicht, dass wir Menschen in unserer liturgischen Gestaltung auf mediale Unterstützung zurückgreifen. Seit christliche Gottesdienste gefeiert werden, zogen Liturgieleitende unterschiedlichste Medien heran, um sich für ihre Gottesdienste anregen zu lassen, ausgelagertes materialisiertes Wissen zu speichern und bei Bedarf zu reaktivieren. Das geschah in der Gestalt biblischer Texte, die z.B. für den rituellen Gebrauch verfasst waren (wie viele Psalmen oder Hymnen), aber auch in Gestalt von Lektionaren, Agenden, liturgischen Wegweisern oder – in jüngerer Zeit – in Gestalt von kuratiertem Material auf Websites oder in Facebook-Gruppen zur Befragung der Schwarm-Intelligenz. Neu ist also nicht, dass wir auf Medien zurückgreifen, neu ist, nach welcher Logik KI als neues Medium arbeitet und damit Einfluss auf unsere Gottesdienstgestaltung ausübt.2

Funktionslogik generativer Sprachmodelle

Doch was genau verändert sich eigentlich? Dafür müssen wir uns kurz vergegenwärtigen, wie KI eigentlich funktioniert. Das beschränke ich in stark vereinfachter Weise auf generative LLMs, die schon allein aufgrund ihrer Verbreitung das liturgische Arbeiten am stärksten verändern. Die Architektur von LLMs besteht aus dynamischen künstlichen neuronalen Netzwerken (KNNs). Man muss sich deren Architektur analog zum menschlichen Gehirn vorstellen, das selbst aus 100 Milliarden Nervenzellen besteht. Ein KNN seinerseits besteht aus unterschiedlichen Ebenen von dynamischen neuronalen Netzen. Die Formation dieser Netzwerke wird möglich durch das Training von Modellen mit großen Datenmengen (sog. machine learning). Jedes künstliche Neuron erhält auf Basis komplexer Gleichungen gewichtete Wahrscheinlichkeitswerte (zwischen 0 und 1). Aufgrund der Komplexität bestehen LLMS inzwischen aus Billionen solcher gewichteter Parameter. Das erlaubt der KI in (mehr oder weniger) überzeugender Weise, sinnvolle sprachliche Outputs in Interaktion mit Menschen zu simulieren.3

Wenn jetzt das trainierte LLM nun mit Informationen gepromptet wird (ein Auftrag erteilt wird), berechnet es auf Grundlage der hinterlegten Werte probabilistisch das nächste Wort. LLMs sind also in dem Sinne generativ, dass sie nicht nur Daten klassifizieren, sondern tatsächlich durch Rekombination erlernter Muster ‚neue‘ Daten hervorbringen (Bilder, Texte etc.).4 Weil diese Muster menschlichen Texten entspringen, spiegelt die KI uns ein Bild unserer eigenen Sprach- und Denkgewohnheiten zurück.5 Streng genommen unterscheidet sie nicht zwischen wahr und falsch (0 oder 1), sondern zwischen wahrscheinlich und unwahrscheinlich. Abhängig von den Trainingsdaten und der Justierung des Wahrscheinlichkeitskorridors fallen die Antworten eines LLM von Nutzer:in zu Nutzer:in, von Mal zu Mal unterschiedlich aus. Die Modelle zeichnen sich also durch einen sog. Bias aus, eine Schlagseite aufgrund der Trainingsdaten und der Interaktionshistorie innerhalb eines Accounts.

Verschiebungen in der liturgischen Vorbereitungspraxis

Wenn wir in der liturgischen Gestaltung generative KI-Sprachmodelle nutzen, dann verschiebt sich durch ein wahrscheinlichkeitsbasiertes Medium unsere Gestaltungspraxis. Texte werden nicht mehr aus verbindlichen Agenden oder Liturgiehilfen herauskopiert, die gar von einer Kirche autorisiert wurden, um dann persönlich angepasst zu werden. Stattdessen gewinnen die Algorithmen an Macht, deren genaue Hintergründe und deren Datenbasis so komplex sind, dass sie eine Blackbox bilden. Welche Traditionen durch die Trainingsdaten in die Formulierung oder den liturgischen Entwurf eingeflossen sind, ist nicht rekonstruierbar. Ob das, was die KI tut, liturgisch belastbar ist, wird somit mehr und mehr in die Kompetenz der Nutzer:innen überstellt. Zugleich – und das ist ein zweites Veränderungsmoment – ermöglicht ein generatives System eine spielerische Variabilität in enormer Geschwindigkeit. Von Geschmacksfragen zunächst einmal abgesehen, kann ein LLM neue Vorschläge für Gebetsformulierungen produzieren, kann zielgruppenorientiert die Sprache anpassen („einfache Sprache“, Jugendsprache etc.), kann die Sprache unterschiedlich temperieren (poetisch, nüchtern, etc.), kann Vorschläge für rituelle Handlungen machen. Es entsteht durch die interaktive Ritualpräparation mit KI mithin ein ko-kreatorischer Prozess, der zu ganz neuen liturgischen Vorbereitungspraktiken führt.

Verunsicherungen und kritische Anfragen

Nun produzieren solch seismische Veränderungen immer Verlustängste (A. Reckwitz), weil wir Menschen auf Sicherheiten angewiesen sind, denn die Basis geteilter Erwartungen ermöglicht uns verlässliche Kommunikation (A. Nassehi) und vermittelt uns Kontrolle. Dass plötzlich eine Maschine mehr weiß als wir, schneller Texte produzieren kann als wir, anders als wir nie ermüdet, all das führt zur Unterbrechung und zum Wegfall sicher geglaubter Selbstverständlichkeiten. Wird die KI uns ersetzen? Geht durch diese Texte von der Stange nicht die Authentizität verloren, dass hier jemand aus seiner eigenen Glaubenserfahrung heraus spricht? Kann das noch spirituelle Tiefe haben, wenn es in solch einer enormen Geschwindigkeit erzeugt wurde, ohne wirklich geistlich durchgekaut worden zu sein? Werden Menschen zu bloßen Nutzer:innen von Automaten und verlieren darüber ihre eigene Sprachfähigkeit? Wozu braucht es dann noch menschliche Arbeit an liturgischen Formularen (wie Agenden)? Wie steht es um die ethischen Fragen: nach den Interessen der Firmen im Hintergrund, dem Datenschutz, den Verzerrungen durch einen Bias in den Daten, dem ökologischen Fußabdruck jedes Prompts?

Kirchliche Diskussionsprozesse

All diese Fragen sind weder einfach zu beantworten noch lassen sie sich kurzerhand entkräften. Sie dürfen aber auch nicht zu einer Blockade jeglicher praktischen Auseinandersetzung mit KI führen. Liturgietheoretische Weisheit bedeutet in diesem Zusammenhang, zwischen übertriebener Verteufelung, überbordender KI-Begeisterung und den realistischen Gefahren fein zu unterscheiden – und um die Vorläufigkeit dieser Grenzziehung zu wissen! Deshalb ist ein inkrementelles, experimentelles und zugleich (selbst-)kritisches Vorgehen zu wählen.

Als Ausschuss Liturgie und Digitalität in der Liturgischen Konferenz der EKD erarbeiten wir deshalb, was KI-Sprachmodelle leisten, welche Ergebnisse sie produzieren und evaluieren dabei kritisch, welche Gefahren drohen. In enger Anbindung an laufende KI-Projekte überlegen wir auch, wie KI-Tools weiterentwickelt werden müssen, damit sie verlässliche und hilfreiche Medien ritueller Gestaltung sein können. Es gilt gerade nicht, kategorische Ablehnung gegen naive KI-Begeisterung auszuspielen, sondern sorgfältig zu prüfen und das Gute zu bewahren.

KI ist gekommen, um zu bleiben, und sie eröffnet – bei aller Gefahr – auch neue Möglichkeiten. LLMs ermöglichen, umfangreiche Texttradition gezielt einzuspeisen und zu variieren. Sie ermöglichen die Irritation eigener eingefahrener Muster und ersparen darin (vielleicht) auch Zeit. Voraussetzung zu einer konstruktiven Wirkung neuer Technologien ist, dass wir als Nutzer:innen uns über technische Hintergründe informieren und zugleich liturgisch kompetent bleiben, um den Output dieses neuen rituellen Gestaltungsmediums einordnen und bewerten zu können.

In den kommenden Wochen folgen hier weitere Beispiele für Projekte, Best Practice und Visionen, wie es im Schnittfeld von KI und Liturgie weitergehen könnte, um gemeinsam an einem reflektierten und kritischen Umgang mit KI zu arbeiten. Wir freuen uns auf Resonanz!

 


 

1 Marcel Barnard u. Wim Otte, Is the Machine Surpassing Humans? Large Language Models, Structuralism, and Liturgical Ritual: A Position Paper, in: IJPT 28 (2024) 2, 289–306, hier 305–306.

2 Vgl. zur Macht der Medien Stoellger, Philipp: Deutungsmachtanalyse. Zur Einleitung in ein Konzept zwischen Hermeneutik und Diskursanalyse, in: Philipp Stoellger (Hrsg.), Deutungsmacht. Religion und belief systems in Deutungsmachtkonflikten (HUTh 63), Tübingen 2014, 1–85.

3 Bringsjord, Selmer u. Govindarajulu, Naveen Sundar: Artificial Intelligence, in: Edward N. Zalta/Uri Nodelman (Hrsg.), The Stanford Encyclopedia of Philosophy 2025.

4 Knaus, Thomas; Merz, Olga u. Thorsten Junge: Ist das Kunst… oder kann das die KI? Zum Verhältnis von menschlicher und künstlicher Kreativität, in: Ludwigsburger Beiträge zur Me-dienpädagogik 24 (2024), 1–23.

5 KI ist diesem Sinne imago hominis; vgl. Xu, Ximian: The digitalised image of God. Artificial intelligence, liturgy, and ethics, London/New York 2025.

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