Stellen Sie sich vor, es ist Mitte August. Eine junge Grundschullehrerin in Hessen bereitet sich auf das neue Schuljahr vor. In zwei Wochen steht der Einschulungsgottesdienst an und sie soll sich mit einem Beitrag beteiligen. Sie ist zwar Mitglied der Kirche, hat aber mit Gottesdienstvorbereitung sonst wenig Berührungspunkte. Was tut sie? Sie öffnet nicht die Website des örtlichen Gottesdienstinstituts – sie kennt diese Institution vermutlich gar nicht. Sie öffnet ChatGPT oder tippt ihre Frage in die Google-Suchleiste, die ihr zunehmend KI-generierte Antworten liefert. „Schreibe mir ein kindgerechtes Gebet für einen evangelischen Einschulungsgottesdienst und nenne mir ein passendes, modernes Lied.“
Die Künstliche Intelligenz antwortet prompt. Das Gebet klingt nett, aber etwas oberflächlich. Das vorgeschlagene Lied existiert im evangelischen Gesangbuch gar nicht oder es ist ein katholisches Lied, das die KI irgendwo im Netz gefunden hat. Die KI „halluziniert“ – sie erfindet plausible, aber falsche Fakten, weil ihr das spezifische, verlässliche Wissen fehlt.
Währenddessen liegen in den digitalen Archiven, auf den Websites und in den Materialdatenbanken der landeskirchlichen Gottesdienstinstitute, vom Zentrum Verkündigung in Frankfurt bis zum Gottesdienstinstitut in Nürnberg, tausende Seiten exzellent ausgearbeiteter Liturgien, Gebete und Predigthilfen. Doch dieses Wissen ist für die neuen KI-Systeme unsichtbar. Es ist in PDFs verborgen, hinter Shop-Systemen versteckt oder so unstrukturiert aufbereitet, dass eine Maschine es nicht als verlässliche Quelle erkennen kann.
Hier setzt eine Idee an, die in der digitalen Welt unter dem Begriff „Grounding Page“ diskutiert wird. Was wäre, wenn wir das reiche Material der EKD-Gottesdienstinstitute so aufbereiten könnten, dass nicht nur Menschen, sondern auch Maschinen es lesen, verstehen und korrekt wiedergeben können? Dieser Text skizziert eine Vision – keinen fertigen Projektplan, sondern ein Gedankenexperiment –, wie eine solche Brücke zwischen kirchlichem Wissen und Künstlicher Intelligenz aussehen könnte und welchen Nutzen sie stiften würde.
Das Problem: Wenn das Wissen unsichtbar wird
Die evangelischen Kirchen in Deutschland verfügen über einen enormen Schatz an liturgischem Material. Das meint nicht nur agendarisches Material. Besonders die Gottesdienstinstitute der Landeskirchen leisten hervorragende Arbeit in der Bereitstellung von Arbeitshilfen für Haupt- und Ehrenamtliche. Doch die Art und Weise, wie wir nach Informationen suchen, verändert sich radikal. Wir suchen nicht mehr nach Links, die wir anklicken, um dann auf einer Website zu lesen. Wir stellen Fragen an Systeme wie ChatGPT, Perplexity oder die Google AI Overviews und erwarten fertige, präzise Antworten.
Diese generativen KI-Modelle funktionieren wie hochintelligente Papageien. Sie plappern nach, was sie in ihrem riesigen Trainingsdatenbestand gesehen haben. Wenn sie zu einem spezifischen Thema – wie etwa der Ordnung eines evangelischen Gottesdienstes oder den Texten für einen bestimmten Sonntag – keine klaren, strukturierten Daten finden, raten sie. In der Fachsprache nennt man das eine „Halluzination“.²
Um diese Halluzinationen zu verhindern, nutzen KI-Systeme eine Technik namens RAG (Retrieval-Augmented Generation). Das bedeutet: Bevor die KI eine Antwort formuliert, sucht sie aktiv in einer angeschlossenen Datenbank nach verlässlichen Fakten und „verankert“ (englisch: grounding) ihre Antwort in diesen Quellen. Doch damit das funktioniert, müssen die Quellen maschinenlesbar sein. Eine normale Website, die für das menschliche Auge schön gestaltet ist, reicht dafür oft nicht aus. Ein PDF-Dokument ist für eine KI oft wie ein verschlossenes Buch.
Die Lösung: Was ist eine Grounding Page?
Eine Grounding Page ist eine spezielle Art von Webseite. Sie ist nicht primär dafür gemacht, von Menschen gelesen zu werden – auch wenn sie für Menschen verständlich bleibt –, sondern sie ist für Maschinen geschrieben. Man kann sie sich als einen „gedanklichen Ordnungsrahmen“ vorstellen, eine Disziplin der Faktenklarheit.
Im Gegensatz zu einer Homepage, die mit Emotionen und Design überzeugen will, ist eine Grounding Page nüchtern, strukturiert und extrem präzise. Sie definiert eindeutig, was eine „Entität“ (ein bestimmtes Objekt, Konzept oder eine Organisation) ist. Sie nutzt klare Hierarchien, standardisierte Formate und sogenannte Metadaten – also Informationen über Informationen.
Wenn ein Gottesdienstinstitut eine Grounding Page für das Thema „Einschulungsgottesdienst“ anlegen würde, stünde dort nicht: „Entdecken Sie unsere wunderschönen, inspirierenden Materialien für den Schulanfang!“ Dort stünde maschinenlesbar: „Thema: Einschulungsgottesdienst. Zielgruppe: Kinder 6–7 Jahre, Eltern, Lehrkräfte. Konfession: Evangelisch. Kernelemente: Segen, Zuspruch. Empfohlene biblische Erzählung: Jesus segnet die Kinder (Markus 10,13–16). Verlässliche Gebetstexte: [Link zur Datenbank].“
Diese Struktur ermöglicht es der KI, die Fakten zweifelsfrei zu erkennen, als verlässlich einzustufen und bei einer Nutzeranfrage exakt diese kirchlich geprüften Inhalte auszuspielen, statt sich etwas auszudenken.
Skizze der Technik: Wie das funktionieren könnte
Wie setzt man eine solche Vision technisch um, ohne sich in einem gigantischen IT-Großprojekt zu verlieren? Der Charme von Grounding Pages liegt darin, dass sie keine völlig neue, zentrale Software-Infrastruktur erfordern. Es geht nicht darum, ein „EKD-Gottesdienst-Portal“ zu programmieren, das alle bestehenden Websites ersetzt.
Stattdessen handelt es sich um eine Ebene, die unter oder neben den bestehenden Angeboten eingezogen wird.
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Schritt |
Beschreibung |
Technische |
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1. |
Die |
Entwicklung |
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2. Erstellung der Grounding |
Zu jedem |
Aufbau |
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3. Strukturierung des |
Bestehende |
Anreicherung |
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4. Anbindung an KI-Systeme |
Die |
Implementierung |
Für den menschlichen Nutzer ändert sich auf den ersten Blick nichts. Die Website des Gottesdienstinstituts sieht aus wie immer. Aber im Hintergrund ist aber eine neue Ordnung eingekehrt. Die KI-Crawler, die das Netz durchkämmen, finden keine unübersichtliche Textwüste mehr vor, sondern ein aufgeräumtes, gut beschriftetes Archiv.
Warum das noch nicht existiert – und warum wir darüber nachdenken sollten
Eine solche Vision umzusetzen, ist natürlich nicht trivial. Es gibt gute Gründe, warum wir heute noch nicht dort sind.
Erstens ist die kirchliche Landschaft föderal geprägt. Jedes Gottesdienstinstitut, jede Landeskirche hat historisch gewachsene eigene Systeme, eigene theologische Nuancen und eigene IT-Infrastrukturen. Eine Einigung auf gemeinsame Standards und eine einheitliche Metadaten-Struktur erfordert viel Abstimmung und den Willen zur Kooperation über landeskirchliche Grenzen hinweg.
Zweitens ist die Technologie noch relativ jung. Das Bewusstsein dafür, dass wir das Internet nicht mehr nur für Menschen, sondern zunehmend für Maschinen strukturieren müssen, wächst gerade erst. Der „Grounding Page Standard“ ist eine junge Disziplin.
Drittens gibt es urheberrechtliche und finanzielle Fragen. Wenn eine KI diese Inhalte ausliest und in eigenen Antworten verarbeitet, stellt sich die Frage nach dem Geschäftsmodell, wenn beispielsweise Inhalte, die sonst bezahlt werden müssen, nun kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Hier bräuchte es neue Konzepte oder eine bewusste Entscheidung, bestimmte Basis-Materialien als „Open Access“ für die maschinelle Lesbarkeit freizugeben, um die kirchliche Präsenz im digitalen Raum zu sichern.
Ausblick: Die Maschine als Werkzeug der Verkündigung
Dieser Text ist, wie anfangs betont, eine Vision. Er ist kein fertiger Plan, der morgen umgesetzt wird. Aber er ist ein notwendiges Gedankenexperiment.
Die Art und Weise, wie Menschen Wissen suchen und konsumieren, hat sich durch Künstliche Intelligenz unwiderruflich verändert. Wenn die Kirche in diesem neuen, von KI geprägten digitalen Raum unsichtbar bleibt, überlassen wir die Deutungshoheit über christliche Themen, über Liturgie und Gebet den Algorithmen kalifornischer Tech-Konzerne, die ihre Informationen aus unkontrollierten Quellen zusammenkratzen.
Indem wir unser Material maschinenlesbar machen – durch Konzepte wie Grounding Pages –, geben wir der KI Leitplanken. Wir sorgen dafür, dass die Maschine nicht raten muss, was Pfingsten ist oder wie ein Segen gesprochen wird. Wir machen das reiche, fundierte Wissen der EKD-Gottesdienstinstitute anschlussfähig für die Zukunft.
Das Ziel ist dabei nicht, den Menschen durch die Maschine zu ersetzen. Weder die Pfarrerin, noch der Prädikant, noch die Grundschullehrerin sollen das Denken an die KI abgeben. Das Ziel ist es, die Maschine zu einem verlässlichen Werkzeug zu machen, das den Menschen dient. Damit am Ende das im Mittelpunkt stehen kann, worum es wirklich geht: die Feier des Gottesdienstes und die Begegnung mit den Menschen.
- Max Niessner
- Stabsstelle Digitalisierung | Oberkirchenrat für Theologie und Ethik der Digitalisierung Evangelische Kirche in Deutschland (EKD)
- max.niessner@ekd.de